Fußballnationalspieler: Geht das ohne Staatsbürgerschaft?

Alt: Picture of the FIFA headquarter in Zurich
FIFA Headquarter in Zurich, PC: L. Stoeger

Jeder hat diese Bilder im Kopf : 2022 tröstet der französische Präsident Emmanuel Macron den Fußballstar Kylian Mbappé nach dem verlorenen WM-Endspiel gegen Argentinien. 2010, bei der WM in Südafrika, feiert die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den deutschen Kickern in der Kabine. Der Focus berichtete : 

« Nach dem Viertelfinalsieg gegen Argentinien stand Merkel plötzlich vor Schweinsteiger, der nur mit einem Handtuch bekleidet war »

Wie sehr muss ein Nationalspieler aber mit dem Land, für das er aufläuft, verwurzelt sein, um in guten wie in schlechten Zeiten vom Präsidenten umarmt zu werden ?  Die Antwort sieht anders aus, als die meisten Fans auf den ersten Blick glauben würden. 

Bei den Nationaltrainern gibt es schon lange Ausländer

Bereits seit Jahrzehnten werden viele Nationalmannschaften auch von Trainern betreut, die nicht die Staatsbürgerschaft des betreffenden Nationalteams besitzen. Unter ihnen finden sich solche, die auch in ihrer Heimat der Nationalmannschaft vorstehen, und solche, die nur für fremde Nationalelfs tätig werden. Hier seien die folgenden Beispiele genannt :

Der Rumäne Stefan Kovacs (1920 – 1995) war von 1973 bis 1975 Cheftrainer der Franzosen. Gleich danach wurde er für 5 Jahre Nationaltrainer seines Landes Rumänien.

Der Ungar Ferenc Puskas (1927 – 2006) trainierte Mannschaften auf mehreren Kontinenten. Von 1976 bis 1977 war er Teamchef für Saudi-Arabien, 1993 dann für Ungarn. Über ihn wird im Folgenden noch ausführlicher berichtet.

Der Österreicher Ernst Happel (1925 – 1992) coachte von 1977 bis 1978 die niederländische Nationalmannschaft. Auch er wurde Teamchef seines Vaterlandes Österreich, starb dann aber 1992 während seines Vertrages.

Der Deutsche Berti Vogts (geboren 1946) gewann als Spieler die WM 1974. Ab 2001 war er 13 Jahre lang Nationaltrainer für verschiedene Länder : Schottland, Kuwait, Nigeria, Aserbaidschan. Deutscher Nationaltrainer wurde er aber nicht.

Der Deutsche Jürgen Klinsmann (*1964) hat als Spieler alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Auch als Trainer ist sein Track Record beeindruckend :  als deutscher Teamchef wurde er 2006 WM-Dritter, von 2011 bis 2016 coachte er das National Soccer Team der USA, 2023/ 2024 war er Chef der südkoreanischen Nationalmannschaft.

Auch bei der aktuellen EM 2024 finden sich ausländische Teamchefs. Österreich wird vom Deutschen Ralf Rangnick (*1958) betreut. Die Belgier haben den Italo-Deutschen Domenico Tedesco (*1985) als Trainer. Die Portugiesen haben einen Spanier als Coach : Roberto Martinez (*1973). Georgien wird vom Franzosen Willy Sagnol (*1977) trainiert. 

Müssen die betreuten Spieler nun unbedingt Staatsangehörige des Landes sein, das sie vertreten, wenn schon der Trainer ein Ausländer sein kann ?

Ab wann ist man eigentlich ein Staatsbürger ?

Im allgemeinen Verständnis stellt man sich einen Staatsbürger als jemanden vor, der die Nationalität eines bestimmten Landes besitzt, und der überdies eine enge Verbundenheit mit der Sprache, Gesellschaft, Geschichte, Kultur und Wirtschaft seines Landes hat.

Streng genommen ist es jemand, der die Staatsbürgerschaft besitzt – ungeachtet des sonstigen Naheverhältnisses zu Sprache, Land und Leuten.

In der Praxis kann es vorkommen, dass ein Deutscher, der als Kleinkind mit seinen Eltern ins Ausland zieht und nicht die deutsche Sprache erlernt, weniger über Deutschland weiß als ein Ausländer, der sich in Deutschland niederlässt, hier zehn Jahre fleißig arbeitet, Steuern zahlt und ehrenamtlich in einem Verein mitmacht.

Ausländer müssen beim Erwerb einer neuen Staatsbürgerschaft einige Voraussetzungen erfüllen, zu denen in der Regel der Nachweis von guten  Kenntnissen der Sprache, der Geschichte, der Gesetze und der Kultur des Landes zählen.

Für reiche Ausländer ist der Erwerb einer neuen oder zusätzlichen Staatsbürgerschaft oft leichter, etwa durch Golden Visa-Programme, die es in manchen Ländern gibt.

Manche Staaten bieten spezielle Staatsbürgerschaftsprogramme für Nachkommen von Staatsangehörigen an, die in bestimmten Ländern leben. Brasilianer mit italienischer Abstammung können sich um die italienische Staatsbürgerschaft bewerben. Nachfahren von Deutschen, die in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion leben, können die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Die Fußballer Thiago Motta und Roman Neustädter, die in diesem Artikel präsentiert werden, haben wahrscheinlich derartige Programme in Anspruch genommen.

Die Regeln der FIFA hinblicklich der Staatsbürgerschaft von Fußballern

Die FIFA (Fédération Internationale de Football Association) definiert in ihren 97 seitigen Statuten aus dem Jahr 2021 auch die Frage der « Spielberechtigung für Verbandsmannschaften ».

Wenig überraschend wird dort Spielern, die die dauerhafte Staatsbürgerschaft eines Landes besitzen, die Spielberechtigung für FIFA-Turniere zugestanden (Seite 74).

Spieler mit Doppelstaatsbürgerschaft können für ein Land spielberechtigt sein, mit dem sie nach allgemeinen Maßstäben wenig Berührungspunkte haben. Laut den FIFA-Statuten genügt es in diesem Fall, dass eine Großmutter oder ein Großvater in dem Land geboren wurde (Seite 75).

Besonders interessant sind die Regeln der FIFA für Staatenlose (Seite 77). Auch Staatenlose können für eine Verbandsmannschaft spielen, wenn sie mindestens 5 Jahre im betreffenden Land gelebt haben und nicht wegen der Fußballeinsätze in das betreffende Land gezogen sind !

Immer wieder gibt es erfolgreiche FIFA-Nationalpieler, die ein ungewöhnliches Verhältnis zu dem Land, das sie vertreten, besitzen.

Darf man die Nationalmannschaft wechseln ? Ja, dies ist laut den FIFA-Statuten (Kapitel 9. Verbandswechsel) unter bestimmten Bedingungen möglich.

Die Gründe für einen derartigen Wechsel sind unterschiedlich. Manche Spieler emigrieren aus politischen Gründen aus ihrer ursprünglichen Heimat, andere wechseln das Nationalteam aus Karrieregründen.  

Der bereits erwähnte Ferenc Puskas (1927 – 2006) war von 1945 bis 1956 ein Star der ungarischen Nationalmannschaft. Er verließ Ungarn nach dem von der Sowjetunion blutig unterdrückten Volksaufstand von 1956. In Spanien spielte er dann 8 Jahre bei Real Madrid. Nach dem Erhalt der spanischen Staatsbürgerschaft wurde er auch ins Nationalteam Spaniens berufen und absolvierte dort 4 Spiele.  

Nachfolgend seien einige weitere Beispiele von atypischen Nationalkickern gebracht.

Atypische Nationalspieler bei der WM 2014

Die WM 2014 in Brasilien faszinierte nicht nur durch tolle Tore, sondern auch durch interessante Positionswechsel von ehemaligen Nationalspielern.  

Thiago Motta (*1982) absolvierte für das U23-Team Brasiliens 5 Spiele. Der brasilianisch-italienische Doppelstaatsbürger war dann von 2011 bis 2016 Mitglied der italienischen Nationalmannschaft. Motta hat in Italien vier Jahre in Genua und in Mailand gespielt. Mit Inter Mailand gewann er auch die  UEFA Champions League 2010.  

Für den Brasilianer Diego Costa (*1988) war bereits 2013 ein wichtiges Jahr. Zunächst absolvierte er für die Seleção Brasileira zwei Spiele. Dann bekam er die spanische Doppelstaatsbürgerschaft. Als frischgebackener Spanier spielte er ab 2014 zwar in der spanischen Nationalmannschaft. Vereinstechnisch blieb Diego Costa aber nicht im sonnigen Spanien, wo er bei Atletico Madrid gedribbelt hatte, sondern wechselte ins regnerische England, zum FC Chelsea.

Bei der WM 2014 in Brasilien standen die beiden ehemaligen brasilianischen Nationalspieler Motta und Costa somit in den Nationalelfs anderer Nationen, sie mussten aber nicht gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber antreten. Dem folgenden Spitzenfußballer blieb genau dies jedoch nicht erspart.

Kevin-Prince Boateng, der Bruder von Jérôme Boateng, wurde 1987 in Berlin geboren und wuchs dort auch auf. Seine schulische und fußballtechnische Ausbildung hat er in Deutschland absolviert. Boateng schaffte es bis in das Jugendteam der deutschen Nationalmannschaft, wurde dann aber wegen Disziplinarfragen ausgeschlossen.

Der Doppelstaatsbürger Kevin-Prince Boateng trat dann schließlich in das Nationalteam von Ghana ein, eines Landes, das er « nur aus den Erzählungen seines Vaters » kannte, wie der Tagesspiegel berichtet.   

Sowohl bei der WM 2010 als auch bei der WM 2014 kam es dann zu besonderen Matches : Kevin-Prince spielte nicht nur gegen seinen Bruder Jérôme, sondern auch gegen seine ehemalige Nationalmannschaft.

Wenn Deutschland im WM-Endspiel 2014 nicht auf Argentinien, sondern auf Ghana getroffen wäre, hätte Kevin Prince durch ein paar Tore die deutsche Nationalmannschaft besiegen können. Dann hätte es zwar einen Deutschen als Torschützen gegeben, aber nicht die deutsche Mannschaft als WM-Sieger. Dieses Szenario wäre nach den FIFA-Regeln möglich gewesen…

Atypische Nationalspieler : Ein norddeutscher Österreicher und ein « russischer Beckenbauer » :

Weniger exotisch als das Schicksal des Kevin-Prince Boateng, aber nichtdestoweniger interessant, ist der Fall des Martin Harnik, 1987 in Hamburg geboren, als Sohn einer Deutschen und eines Österreichers aus der Steiermark. Harnik war öfters auf Familienbesuch in Österreich, da Hamburg und Graz ja nur 800 Km Luftlinie trennen. Als Vereinsspieler kam er aber nicht südlicher als bis zum VFB Stuttgart, für einen österreichischen Ligaclub hat er nie gespielt. Laut der Stuttgarter Zeitung besitzt der Fußballer sowohl die deutsche als auch die österreichische Staatsbürgerschaft.

Und so absolvierte Harnik ab 2007 dann 68 Spiele für die österreichische Nationalmannschaft. Der Stürmer (15 Tore) berichtete in Interviews augenzwinkernd, dass er aufgrund seiner norddeutschen Aussprache leichte Verständigungsschwierigkeiten mit seinen autochthonen österreichischen Mannschaftskollegen hatte.

Übrigens : Das österreichische Staatsbürgerschaftsgesetz sieht keine Doppelstaatsbürgerschaft vor, außer beim Vorliegen von besonders berücksichtigenswerten Interessen.

Der Mittelfeldspieler Roman Neustädter (*1988) – in einem FAZ-Artikel von Richard Leipold als « Der moderne Beckenbauer » bezeichnet – war bis 2013 im deutschen Nationalteam. Sein Vater ist Ukrainer, seine Mutter aus Russland. 2016 erhielt Neustädter von Wladimir Putin persönlich die russische Staatsbürgerschaft verliehen. Dies erlaubte ihm, von 2016 bis 2021 insgesamt 13 Matches für die russische Nationalmannschaft zu absolvieren. In Russland selbst hat Neustädter nur zwei Jahre lang gespielt, von 2019 bis 2021 bei Dynamo Moskau. Seine anderen Stationen waren diverse deutsche Clubs und Fenerbahce Istanbul. Aktuell (2024) spielt Neustädter noch bei einem Club in der ersten belgischen Liga.

Ob der « russische Beckenbauer « so wie der deutsche Beckenbauer vielleicht einmal Teamchef der deutschen Nationalelf wird, bleibt abzuwarten. Die deutsche Fußballnationalmannschaft hatte bis 2024 übrigens noch keinen einzigen ausländischen Trainer…

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